Lange Zeit gehörte Derealisation für mich zu den am meisten gefürchteten und gehassten Symptomen, durch die sich meine Panik ausdrückte. Mir ist kein Rezept bekannt, um die Derealisation schnell oder für immer loszuwerden. Für mich hat sie jedoch ihren Schrecken verloren und ich verrate dir gerne, was mir dabei geholfen hat.

Zuallererst solltest du wissen, dass auch gesunde Menschen hin und wieder unter Derealisaton leiden können, zum Beispiel bei starker Müdigkeit. Auch wenn du dabei Angst hast, gleich durchzudrehen oder in der geschlossenen Psychiatrie zu landen – es wird nicht passieren. Einen echten pathologischen Realitätsverlust würden wir meist gar nicht bemerken. Denn dann hätten wir Wahnvorstellungen, von denen uns kein Mensch mehr abbringen könnte. Wir wären also felsenfest von einer Idee überzeugt, die nicht den Tatsachen entspricht. Solange wir uns nur unwirklich fühlen und wir uns dessen bewusst ist, dass gerade etwas nicht stimmt mit uns, ist alles in Ordnung. Und egal wie stark sie manchmal war: Niemals habe ich tanzende Katzen gesehen oder geglaubt, dass die Nachbarn mich mit der Satellitenschüssel abhören.

Derealisation als Schutzfunktion

Derealisation kann beängstigend sein. Auch wenn es dir absurd erscheinen mag: Die Derealisation steht auf deiner Seite und arbeitet nicht gegen dich. Sie will dir zeigen, dass aktuell nicht alles rund läuft in deinem Leben und du dir wieder eine Pause gönnen solltest. Derealisation ist eine Botschaft an dich und nun liegt es an dir, ob du ihr zuhörst. Die Derealisation schirmt dich von allem ab und zwingt dich dadurch, wieder mehr bei dir selbst zu sein. Wenn ich ehrlich zu mir bin, stelle ich dann oft fest, mich eben doch wieder überfordert zu haben. Eigentlich eine faszinierende Schutzfunktion, oder?

Akzeptanz

Um Derealisation im akuten Zustand zu bewältigen, gibt es verschiedene Skills, die du ausprobieren kannst. Mir persönlich hat jedoch keine dieser Strategien so gut geholfen wie Akzeptanz. Je mehr ich gegen die Unwirklichkeitsgefühle ankämpfe, desto stärker werden sie. Mit der Zeit kommt das Wissen, dass sie ungefährlich ist und wir dabei nicht den Verstand verlieren. Wenn ich ihr erlaube, in diesem Moment einfach hier zu sein, wird es wesentlich einfacher. Dies bedeutet nicht, dass sie dann plötzlich verschwindet, nein. Sie existiert, wie ein unsichtbarer Begleiter, verliert aber deutlich ihren Schrecken.

Mit Akzeptanz meine ich übrigens nicht, dass du nicht nach den Ursachen der Derealisation forschen sollst, zum Beispiel mit Hilfe eines Psychotherapeuten. Derealisation tritt oft im Rahmen von Angststörungen auf und sicherlich ist es wichtig, genau hinzusehen, was dich belastet. Meist dauert es jedoch einige Zeit, bis die Symptome zurückgehen. Daher halte ich es für sinnvoll, der Derealisation in deinem Leben erst einmal einen Platz einzuräumen. Denn im Grunde genommen will sie dich schützen und dein Leben wieder in die richtige Bahn lenken.

7 Kommentare

  1. Schlicht und einfach, ist okay.
    Das Gegenstück fehlt mir: Die Depersonalisation.

    Oft kommen beide zusammen und haben eine unterschiedliche Intensität.
    Das es mit einer Angststörung zusammenhängen kann, stimmt.

    Aber es kommt auch super oft im Bereich von Trauma vor!
    Explizit beim Entwicklungstrauma.
    Dabei kann es schon seit dem Kindheitsalter da sein und uns immer das Gefühl geben, nie anzukommen und überall fremd zu sein. Vor allem in unserem Körper. Die Differenzierung des Körpers ist in unserer Gesellschaft leider auch schon eine Volkskrankheit.
    Fängt klein an, hat richtig große Auswirkungen. Wem das interessiert, kann sich gerne die Videos von: „Dami Charf“ ansehen.

    Akzeptanz hilft wirklich. Seit über 10 Jahren habe ich schon DP/DR und merke wie panisch „Neulinge“ sind und wie viel Angst sie haben.
    Das hatte ich wohl auch am Anfang. Bloß dagegenhalten und feststellen, dass es immer schlimmer/stärker wird. brrr.
    Nach dieser langen Zeit ist es einfach mein Begleiter, es ist eben chronisch geworden und hat den Schrecken verloren.
    ABER! Bitte nicht nachmachen! Sollte es sich innerhalb eines Jahres bei Euch nicht verbessern, sucht Euch bitte Hilfe.
    Sonst habt ihr am Ende noch mehr Probleme, so wie ich.
    – keine Referenz zur realeren/greifbaren Wahrnehmung
    – Gewohnheit sorgt dafür, dass man drin bleibt
    – alles was nicht bekannt ist (= keine DP/DR), ist gefährlich und sorgt für noch mehr DP/DR

    Paradox irgendwie. Die DP/DR schützt sich selbst vor sich, mit sich. Absurd.

  2. Hallo liebe Nadja,
    Eine Freundin hat vor kurzem durch eine Panikattacke eine solche Symptomatik erlebt und bis jetzt ist es wohl nicht besser geworden. Deine Strategien und Herangehensweisen habe ich schon an sie weiterempfohlen! Ich danke dir hierfür! Ich hoffe, es geht ihr bald wieder besser.
    Liebe Grüße!

  3. Hallo liebe Nadja,
    Ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen – deine Überschrift hat mich total gecatcht! Finde ich super – vielen Dank für deinen wundervollen Artikel. Aufklärung über den richtigen Umgang mit DP/DR ist das wichtigste überhaupt und ich freue mich darüber in dir eine Gleichgesinnte gefunden zu haben!
    Mach weiter so!

    Beste Grüße!

  4. Ich habe im Freundeskreis einen ähnlichen Fall und man sich nicht vorstellen, wie heftig das manchmal wird für die Betroffenen.

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